Konzertprogramm
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
Der 43. Psalm: „Richte mich, Gott“
aus: Drei Psalmen, op. 78, MWV B 46 / MWV SD 40, 1844
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
„Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“
für Chor und Solostimmen
aus: Drei Motetten, op. 69, 1847
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
„Hör mein Bitten“
für Chor und Solostimme
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“
BWV 1165
anonym im „Alt-Bachischen Archiv“ überliefert
Johann Bach (1604–1673)
evtl. Johann Michael Bach
„Unser Leben ist ein Schatten“
José Maurício Nunes Garcia (1767–1830)
Requiem in d-Moll
Der Eintritt ist frei
Chorkonzert: Zwischen Vergänglichkeit und Hoffnung
Tod und Vergänglichkeit gehören zu den ältesten Themen der Musik. Doch die Werke dieses Konzerts erzählen nicht allein vom Ende des Lebens. Sie kreisen um eine Frage, die weit darüber hinausweist: Was trägt den Menschen, wenn Gewissheiten schwinden – wenn Abschied, Verlust und die eigene Endlichkeit erfahrbar werden?
Mit Felix Mendelssohn Bartholdys 43. Psalm „Richte mich, Gott“ beginnt ein musikalischer Weg aus Dunkelheit und Bedrängnis hin zum Licht: „Sende dein Licht und deine Wahrheit“. Die Sehnsucht nach Orientierung und Geborgenheit führt weiter zu „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“. Im Lobgesang des Simeon wird das lange Warten zur Erfüllung, der Abschied zum Bild eines tiefen, versöhnten Friedens. Auch „Hör mein Bitten“ nimmt seinen Ausgang in Not und Einsamkeit. Im Wechsel von solistischer Stimme und Chor verdichtet sich die Bitte allmählich zu Vertrauen. So verbinden sich die drei Werke zu einem inneren Weg – von der Suche nach Licht über die Erfahrung des Friedens bis zu jener stillen Zuversicht, die sich getragen weiß.
Mit Johann Sebastian Bachs „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ wird das Bild des Ringens besonders eindringlich. Der Titel geht auf die Geschichte Jakobs zurück, der sich weigert, den nächtlichen Kampf mit Gott ohne dessen Segen zu beenden. Der Ruf „Ich lasse dich nicht“ ist dabei mehr als ein Ausdruck des Widerstands. Er ist ein Festhalten: an Gott, an der Hoffnung, am Versprechen des Segens – gerade dort, wo nichts selbstverständlich ist. Aus dem Ringen wird Vertrauen.
„Unser Leben ist ein Schatten“, die eindrucksvolle Begräbnismotette aus dem sogenannten Alt-Bachischen Archiv, führt mitten hinein in die Erfahrung der Vergänglichkeit. Das Werk wird traditionell Johann Bach (1604–1673) zugeschrieben, dem ältesten als Komponist hervorgetretenen Mitglied der Familie Bach. Diese Zuschreibung ist allerdings nicht gesichert; auch Johann Michael Bach (1648–1694) wurde als möglicher Urheber genannt. Der Schatten des Titels ist ein starkes Bild: Etwas ist sichtbar und doch flüchtig, gegenwärtig und im selben Augenblick schon im Vergehen begriffen. Besonders eindringlich macht die mehrchörige Anlage des Werkes diese Erfahrung hörbar.
Den Abschluss bildet das Requiem in d-Moll von José Maurício Nunes Garcia. Der brasilianische Priester und Komponist steht am Übergang zwischen europäischer Tradition und der eigenständigen musikalischen Kultur Brasiliens. In der Form der katholischen Totenmesse begegnen sich Klage und Hoffnung, Bitte und Verheißung. Das Requiem führt damit die Gedanken des gesamten Programms noch einmal zusammen.
So spannt sich ein weiter Bogen über mehr als zwei Jahrhunderte Musikgeschichte. Unterschiedlich sind die Klangsprachen, unterschiedlich auch die historischen und religiösen Erfahrungen, aus denen die Werke hervorgegangen sind. Und doch verbindet sie eine gemeinsame Bewegung: vom Fragen zum Vertrauen, von der Klage zur Hoffnung.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieser Musik. Sie versucht nicht, die Vergänglichkeit aufzuheben. Sie gibt ihr eine Stimme. Und sie lässt zugleich etwas anderes hörbar werden: das beharrliche menschliche Bedürfnis, angesichts des Endlichen nach dem Bleibenden zu suchen.
Klassik
Lutherkirche (Nippes)